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Wald: zwischen Urwald und Fichtenforst

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Wald: zwischen Urwald und Fichtenforst

Wer in einen deutschen Wald geht, betritt meistens kein natürliches Ökosystem, sondern eine Plantage. Über Jahrhunderte hat der Mensch die Waldlandschaft Mitteleuropas grundlegend verändert: Urwälder gerodet, Naturwälder in Monokulturen umgewandelt. Was heute als Wald gilt, ist oft weit entfernt von dem, was Natur ist.

Urwald vs. Forst: was den Unterschied macht

Urwald

Wirtschaftsforst

Baumartenzusammensetzung

Rund 66 % Buchenmischwald, ein Mosaik aus Hallenwäldern, Sturmwurfflächen, Sumpf- und Eichenmischwäldern

Meist Fichten- und Kiefern-Monokulturen, im Zuge der Industrialisierung angepflanzt

Totholz-Anteil

20–30 % der gesamten Biomasse, Lebensraum für über 5.000 Arten

Wird planmäßig entfernt

Artenvielfalt

Über 7.500 nachgewiesene Arten in deutschen Buchenwäldern (26-Jahre-Studie)

Deutlich geringer, strukturarme, gleichaltrige Bestände

Anteil an Deutschlands Waldfläche

Weniger als 0,5 % annähernd naturnah, nur rund 3 % als Naturwald ausgewiesen

Der weit überwiegende Rest der Waldfläche

Widerstandsfähigkeit

Strukturreiche, ungleichaltrige Bestände puffern Extreme besser ab

Anfällig für Sturm, Dürre und Borkenkäfer — Lothar 1999, Dürrejahre 2018–2023 vernichteten Millionen Hektar Fichtenforst

Blick von unten in die weit ausladende Krone einer alten Eiche

Fotocredit: Andreas Ebner Fotografie

01

Der ursprüngliche Wald Mitteleuropas

Die natürliche Potenzialvegetation Deutschlands besteht zu etwa 66 % aus Buchenmischwäldern — kein gleichförmiger Wald, sondern ein Mosaik aus Hallenwäldern, Sturmwurfflächen, Sumpfwäldern und lichten Eichenmischwäldern, allgegenwärtig durchsetzt mit Totholz. Von diesem Urwald ist heute so gut wie nichts übrig: weniger als 0,5 % der deutschen Waldfläche gelten als annähernd naturnah.

Quelle: Bohn et al., Karte der natürlichen Vegetation Europas; Ellenberg, Vegetation Mitteleuropas

02

Wie der Mensch den Wald veränderte

Mit der Sesshaftwerdung begann die Rodung für Ackerbau und Weidewirtschaft, im Mittelalter war vielerorts schon mehr als die Hälfte der Waldfläche verschwunden. Mit der Industrialisierung stieg der Holzbedarf dramatisch, Forstleute pflanzten schnellwachsende Fichte und Kiefer in Monokulturen. Die Folgen: Bodenversauerung, Trinkwasserprobleme, extreme Anfälligkeit für Sturm, Dürre und Borkenkäfer — Sturm Lothar (1999), die Dürrejahre 2018–2023 und der Borkenkäferbefall haben Millionen Hektar Fichtenforst vernichtet.

Quelle: Hausrath, Geschichte des deutschen Waldbaus; von Carlowitz, Sylvicultura Oeconomica 1713

03

Urwald vs. Forst: was den Unterschied macht

In Urwäldern macht Totholz 20 bis 30 % der Biomasse aus und ist Lebensraum für über 5.000 Arten in Deutschland — im Wirtschaftsforst wird es entfernt. In deutschen Buchenwäldern wurden über 7.500 Arten nachgewiesen (26-jährige Studie der hessischen Naturwaldreservate). Heute sind nur noch etwa 3 % der Waldfläche als Naturwald ausgewiesen.

Quelle: Bauhus et al., Urwälder Deutschlands; NW-FVA Hessen, 26 Jahre Naturwaldreservate

Sonnenlicht spielt zwischen den Kronen zweier alter Baumstämme

Fotocredit: Andreas Ebner Fotografie

04

Natürliche Walddynamik

Ein natürlicher Wald ist kein statisches System, sondern durchläuft über Jahrhunderte Zyklen: Reifephase (alte Bäume dominieren), Zerfallsphase (Öffnungen entstehen), Verjüngungsphase (Pioniere wachsen im Schutz der Altbäume) und Aufbauphase. Diese Dynamik aus Aufbau und Zerfall erzeugt die Strukturvielfalt, die Urwälder so artenreich macht.

Quelle: Leibundgut, Europäische Urwälder; Korpel, Die Urwälder der Westkarpaten

Dokumentation und Vermessung eines jungen Baums als Teil des Monitorings am Galgenberg

Fotocredit: Andreas Ebner Fotografie

05

Die Zukunft des Waldes

Nach den Dürrejahren 2018 bis 2023 sind Fichtenmonokulturen vielerorts kollabiert. Forstwissenschaft und Naturschutz konvergieren heute in Richtung Waldumbau zu klimaresistenten Mischwäldern, mehr Prozessschutz-Flächen (Ziel: 10 % bis 2030), Totholzförderung statt Aufräumen und Wiederherstellung von Auenwäldern. Natürliche Waldentwicklung ist die günstigste und effektivste Form des Waldschutzes.

Quelle: BMEL Waldstrategie 2050; Rewilding Europe

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